Sonntag, 7. April 2013

"Notfallsanitäter sollen künftig Ärzte ersetzen können" - wenn die Wahrheit auf der Strecke bleibt

Am 6.2. erschien auf den Seiten der Tageszeitung "Der Westen" ein Artikel mit dem Titel "Notfallsanitäter sollen künftig Ärzte ersetzen können".
Mario hat sich die Mühe gemacht und Herrn Seher, der Verfasser des Artikels eine E-Mail geschrieben, in der er die gröbsten Fehler versucht zu berichtigen. 
Die E-Mail hat Herr Seher leider unbeantwortet gelassen. Gerne hätten wir eine Erklärung bekommen, wie es zu so vielen gravierenden Fehlern kommen konnte. 
Hier die E-Mail im Original:


Sehr geehrte Redaktion,
Sehr geehrter Herr Thomas Kloß,
Sehr geehrter Herr Dietmar Seher,

sehr gerne möchte ich Ihnen ein Feedback über Ihren Artikel "Notfallsanitäter sollen künftig Ärzte ersetzen können", vom 06.02.2013 geben und hoffe dies Ihrerseits erwünscht ist. 
Den von Herrn Seher geschriebenen Artikel in Ihrer Zeitung finden Sie zum schnellen und einfachen Zugriff hier: Klick
Vorab möchte ich mich bei Ihnen für diesen Artikel bedanken! Sowohl für Ihr Engagement als auch für die Bereitschaft über Randthemen zu schreiben und recherchieren, die dennoch für jeden Leser sehr wichtig und sinnvoll sein können. 
Vielleicht kann man es mit den Worten von Molière sagen?: "Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun."In diesem Sinne möchte ich mich herzlichen bedanken.

Dennoch oder genau deswegen möchte ich Sie im Bezug auf den voraussichtlich neu kommenden Beruf des Notfallsanitäters (NFS) auf die gravierendsten Fehler oder Fehlinterpretationen in Ihrem Artikel aufmerksam machen. Dazu möchte ich Sie im folgenden mit Passagen aus Ihrem Artikel zitieren und anschließend eine kleine Korretur vorschlagen.

Zitat WAZ: "Notfallsanitäter sollen künftig Ärzte ersetzen können" Diese Aussage ist falsch. Ein Notfallsanitäter kann und soll keinen (Not-)Arzt ersetzen. Was nach Willen der Politik geschehen soll, ist das sehr wenig aber gezielt ausgewählte notfallmedizinische Maßnahmen - von denen heute schon der Großteil durch Rettungsassistenten durchgeführt wird - auch durch den Notfallsanitäter (NFS) geschehen soll. Eine gravierend falsche Überschrift die durch den Laien-Leser sehr leicht Fehlinterpretiert werden kann.

Zitat WAZ: "Bund und Länder planen gravierende Änderungen bei der Ausbildung von Notfallsanitätern: Sie sollen künftig Eingriffe vornehmen dürfen, die derzeit nur Ärzten erlaubt sind, etwa das Anlegen von Venen-Kanülen oder Infusionen mit starken Medikamenten. Dafür soll ihre Ausbildung verlängert werden."Leider ist auch dies teilweise Falsch oder kann von Ihren Lesern Falsch aufgenommen werden. Eine falsche Auffassung kann bei Ihren Lesern deswegen entstehen, weil sie das Wort "gravierende" benutzen. Das Wort gravierend bedeutet laut dem aktuellem Duden folgendes: "schwer ins Gewicht fallend, schwerwiegend und sich möglicherweise nachteilig auswirkend!" Da sich mit diesem Gesetz jedoch die Versorgung nicht verschlechtern soll, sondern verbessert werden will, ist dieses Wort nicht gerecht werdend. Auch Sie, Herr Kloß, Herr Seher, wollen sicher eine Versorgung die z.B. mit dem richtigen Medikament zielführend ist, oder? Negativ gravierend soll und wird diese also höchstwahrscheinlich nicht sein. Es wird den Patienten helfen, dieses bestimmte Medikament schnell zu bekommen. Des Weiteren schreiben Sie das "Änderungen bei der Ausbildung von Notfallsanitätern" geplant sind. Es wird allerdings ein neues Berufsbild sein. Ein ganz neues Gesetz mit einem neuen Beruf soll entstehen für den viele Verbände und Organisationen Jahrzehnte gekämpft haben. Dieser Notfallsanitäter soll auch rechtlich besser abgesichert sein. So ist es z.B, anders Ihrer Aussage so, dass Rettungsassistenten (RA) heute schon Venen-Kanülen legen und dies auch je nach Situation dürfen. Es ist durch RA gängige Praxis Infusionen den Patienten zu verabreichen, wenn diese davon profitieren können! Auch Sie haben dieses Recht drauf. Und dies ist auch gut so. 

Zitat WAZ: "Zwölf Millionen Mal im Jahr wird der Notarztwagen gerufen. Jetzt planen Bund und Länder eine tiefgreifende Änderung im 112-Notrufsystem: Notfallsanitäter sollen künftig medizinische Eingriffe vornehmen dürfen, die heute nur speziell fortgebildeten Ärzten vorbehalten sind."
Das Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) wird evtl. zwölf Millionen mal im Jahr gerufen. Der Notarztwagen dagegen weit aus weniger. Im zweiten Satz eine wiederholte Falschaussage. Siehe oben.
Zitat WAZ: "Ärzteverbände halten das für „unverantwortlich“. Sie befürchten Gefahren für Patienten. Immerhin ist bei der Hälfte der Einsätze kein Arzt an Bord."
Hier beziehen Sie sich auf ärztliche Stellungnahmen die mir und der Gemeinschaft Rettungsdienst auch bekannt sind. Zu einer unabhängige Berichterstattung gehört es immer, mehrere Sichtweisen auf zu zeigen und mehrere dieser Sichtweisen unparteiisch, wenn man sich nicht auskennt, zu erläutern. In Ihrem Artikel sehen und beschreiben Sie den Sachverhalt überwiegend aus ärztlicher Sicht mit Zitaten und Passagen. Es ist bekannt, dass einige Ärzteverbände gegen diesen Gesetzentwurf unverständlicherweise arbeiten. Dies ist auch sehr einfach erklärt. Der "Notarzt" ist für die Ärzteschaft ein nicht mehr wegzudenkender Part. Dieser Part ist auch ein Image. Ein Image das nach Vorstellungen der Ärzteschaft verloren gehen wird, wie man in den Stellungnahmen nachlesen kann. Jedoch soll dieses Gesetz nicht das Image der ärztlichen Organisationen/Verbänden verändern sondern einen neuen Beruf regeln. Das die ärztlichen Organisationen das Notfallsanitätergesetz mit den nun endlich auch rechtlich besser geregelten - auch invasiven Maßnahmen - für zufünftige Notfallsanitäter demnach nicht gerne riechen können, ist Ihnen hoffentlich nun klar. Es sind mir drei derartige Stellungnahmen bekannt. Es gibt jedoch ca. zehn mal so viel Stellungnahmen die sich FÜR diese Kompetenzen aussprechen. So z.B. die der großen Hilfsorganisationen wie das Deutsch Rote Kreuz (DRK) oder der Malteser Hilfsdienst (MHD) sprechen sich für diese Ausbildung und mehr Kompetenzen aus. Auch unabhängige Sachverständige, die im Auftrag des Gesundheitsministeriums beauftragt wurden, sprechen sich dafür aus. Um nur einige wenige zu nennen. Warum haben Sie davon nichts erwähnt? Es überwiegen ganz klar solche Stellungnahmen. 

Zitat WAZ: „Das sind Eingriffe, die direkt in den Körper hineinwirken.“Dazu gehöre das Anlegen von Venen-Kanülen, das Einführen eines Beatmungsschlauchs in die Luftröhre und besonders Infusionen mit starken Medikamenten."
Es sind deswegen Venen-Kanülen, weil diese auch Ihr Leben retten können, wenn z.B. Ihr Herz nicht mehr schlägt. Das warten auf den Notarzt ist dabei Ihrem Herz und Ihrem Körper egal. Es geht darum es zu tun, was notwenig ist. Das warten auf den Notarzt wird Ihnen dabei nicht weiter helfen.
Es sind deswegen Beatmungsschläuche, weil das beatmen mittels Beatmungsbeutel oder "Mund zu Mund" weit aus mehr Nebenwirkungen haben kann und nicht annähernd so suffizient ist, wie z.B. ein Endotrachealtubus (Beatmungsschlauch). So können die zukünftigen Notfallsanitäter Ihnen und auch allen anderen lebensbedrohten Patienten schnell und effektiv helfen.
Es sind deswegen starke Medikamente, weil meist auch nur ein starkes Medikament gegen einen z.B. starken Asthmaanfall helfen kann.
Auch das Rettungsfachpersonal hat sich das Ziel gesetzt Leben zu retten. So ist es z.B. heute nicht mehr gängig den Patienten oder Sie als Patient, Herr Kloß, Herr Seher, mit der veralteten Mund-zu-Mund-Beatmung zu belüften. Auch eine Beatmungsmaske kann sehr oft dazu führen, dass Ihr Mageninhalt in Ihre Luftröhre kommt und Sie daran ersticken werden. Und u.a. genau dies möchte man nicht, dass es Ihnen zu teil wird. Deswegen die Änderungen. 

Zitat WAZ: "Eingriffe in den Körper müssten Ärzten vorbehalten bleiben, die dafür acht Jahre ausgebildet seien, so Riebandt. Das sähen auch Gerichte so."
Im weiteren beruft sich der Artikel weiter mit einseitigen Stellungnahmen von ärztlichen Verbänden. So z.B. die Aussage von Hr. Riebandt oder Hr. Lipp, ebenfalls von einem ärztlichem Verband. Diese oben zu sehenden Aussagen sind geläufig unter deren Stellungnahmen und ich habe Ihnen oben schon versucht zu erklären, warum diese mit derart viel Standesdünkel behaftet sind. Dieses Thema möchte ich nicht nochmals aufgreifen.
Jedoch möchte ich noch dazu etwas sagen, dass alle mir bekannten Gerichtsprozesse bei denen die invasiven Maßnahmen durch Rettungsassistenten behandelt wurden, für rechtens durch die Richter entschieden wurden. Auch die Richter haben den Umstand also erkannt, dass z.B. ein Rettungsassistent, der eine Maßnahme kann und gelernt hat, dies jedoch rechtlich nicht drauf, aber dazu beiträgt das ein Menschenleben gerettet werden kann, diese auch durchführen darf und sogar muss (unterlassene Hilfeleistung/gerechtfertigter Notstand)! Und das dieser Umstand gerechtfertigt ist muss ich Ihnen jetzt nicht mehr erklären (ausgenommen den ärztlichen Verbänden vielleicht).


Sie sehen also, dass vieles auf den ersten Blick nicht so scheint, wie es zu scheinen vermag. Einfach deswegen, weil Ärzte eine Lobby haben und das Rettungsfachpersonal leider (noch) keine. Ein Arzt hat Recht, ein Helfer des Arztes hat automatisch unrecht. So sehen es leider viele Laien in Deutschland. Lobby bedeutet Macht und Macht bewirkt genau dies. Damit meine ich Ihren Artikel wie er viel mehr positiv für die Ärzteschaft aufgenommen werden kann, als für die wirklich reale Situation, die aber von der "Macht" wegen Standesdünkel und ungerechtfertigter Angst von der Ärzteschaft nicht gewünscht ist. Es führt auch dazu, dass nicht unabhängige Sachverständige hinzugezogen werden, sondern fast nur der "Notarzt" im Sinne der ärztlichen Vertreter (Hartmannbund,Bundesärztekammer, etc.).

Gerne würde ich als Rettungsassistent (evtl. angehender Notfallsanitäter) Ihnen ein Ersticken durch Ihr eigenes Erbrochenes - hervorgerufen durch das Nicht-legen-dürfen eines Beatmungsschlauches - vermeiden. Dazu braucht es ein Gesetz, dass dem Rettungsdienst und die Notfallversorgung u.a. genau in diesem Punkt, gerecht wird. Das Notfallsanitätergesetz wird dem leider noch voll, jedoch weitgehend gerecht. Und somit auch Ihnen als Patient. Viele Rettungsassistenten, auch ich, würden all diese Änderungen sehr gerne durchführen um auch Ihnen das Leben retten zu können, wenn ich dürfte. Es ist davon auszugehen, dass es in Deutschland tägliche Praxis ist, dass Patienten versterben die durch mehr Rechtssicherheit und ein Umdenken der Gesellschaft und der Notfallmedizin, hätten gerettet werden können. Dazu braucht es gut ausgebildete Notärzte als auch gut ausgebildete Notfallsanitäter die auch das tun dürfen, dass den Patienten auch hilft. Werden wir doch endlich nach vielen Jahren dieser unmöglichen Praxis im Sinne jedes Patienten mit einem ersten Schritt, dem Gesetz, gerecht.

Auf weitere Berichte Ihrerseits freue ich mich sehr. Wenn ich Ihnen dabei behilflich sein kann - zu jeder Zeit sehr gerne!
Mit freundlichen Grüßen
Mario (Rettungsassistent)



Weiterführende Links:
-Artikel in Der Westen