Samstag, 2. Februar 2013

Kommentar: Erster Monat ohne Praxisgebühr

Seit dem 1.1.13 ist sie Geschichte- die 2004 von der Rot-Grünen Regierung eingeführte Praxisgebühr.
Die Resonanz ist überwiegend positiv. Ärzte freuen sich über wegfallende Bürokratie, Patientenverbände begrüßen die dadurch indirekte Ausschüttung der Milliardenüberschüsse der gesetzlichen Krankenkassen an die Versicherten und die Politiker, allen voran die FDP, die die treibende Kraft dieses Beschlusses war, können ihren Wählern ein Geschenk machen. So war es auch kein Wunder, dass die Abschaffung der Gebühr im Bundestag einstimmig erfolgte.

Doch es gibt eine große Schattenseite, die in meiner Wahrnehmung viel zu wenig beachtet wird. Nicht nur, dass die Abschaffung mit der Zustimmung zum höchst umstrittenen Betreuungsgeld durch die FDP von der CSU politisch erkauft wurde, sondern aus einem viel gewichtigerem Grund- den immer schlechter werdenden Zuständen im Gesundheitswesen.
Bei sehr vielen meiner Einsätze, bei denen wir einen Patienten in das größte Krankenhaus im Landkreis bringen, ist dieses hoffnungslos überlastet. In der "Kernzeit" von 9-17 Uhr kommen wir mit unserem Patienten in eine Notaufnahme und werden nicht selten mit dem Spruch begrüsst "Wir sind voll". Die Patienten werden dann im Gang auf einer Trage zwischengelagert bis in einem der sechs Behandlungsplätze Platz geschaffen wurde. In Einzelfällen kam es sogar vor, dass nicht mal mehr eine Trage auf dem Gang zu haben war und die Patienten, die davor mit Notarzt und Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht worden sind, ins Wartezimmer gesetzt wurden.
Vor einigen Jahren war die Situation noch nicht so angespannt, es gibt im Kreis nämlich noch andere Krankenhäuser. Um Geld einzusparen wurden deren Kapazitäten und Kompetenzen jedoch deutlich eingeschränkt, Verletzungen und Erkrankungen, die über eine Exsikkose oder Kopfplatzwunde hinausgehen, können dort nicht mehr versorgt werden. Wer im Rettungsdienst arbeitet kann sich vorstellen, wie viele Patienten damit noch für diese Häuser bleiben. Alle "schwerer" Verletzten bzw. Erkrankten kommen in das große, überlastete, Haus.
Nur sind dessen Kapazitäten leider nie erweitert worden- die heutige Notaufnahme muss jetzt das gleiche Pensum verarbeiten, das vor einigen Jahren noch von drei Notaufnahmen bewältigt wurde.
Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch bei der (Fach)Arzt-Versorgung im ländlichen Raum ab. Von einem "Aufnahmestop" oder Terminen in drei Monaten ist die Rede, wenn ein Kassenpatient einen Arzttermin haben möchte. In der Praxis kann hier keine Rede mehr vom Recht auf freie Arztwahl sein. Als Patient ist man schon froh, wenn überhaupt irgendein Arzt sich einem annimmt.
Zwar ist das von mir gezeichnete Bild sehr subjektiv sein, da es regionale Unterschiede und vor allem ein Stadt/Land Gefälle gibt, aber die Probleme werden sich ausweiten und durch den wachsenden Versorgungsbedarf durch die alternde Bevölkerung und den gleichzeitig zunehmenden Ärztemangel ansteigen.
Eines der Probleme trifft aber bundesweit und nicht nur auf meine Umgebung zu: Die schlechte Bezahlung des nicht ärztlichen Personals im Gesundheitsystems. Trotz der hohen persönlichen Verantwortung, teils hoher psychischer Belastung, Arbeit im Schichtdienst und immer höher werdenden fachlichen Anforderungen sinkt der Lohn der Krankenpfleger, Rettungsassistenten fürchten durch EU weite Ausschreibungen um ihre Löhne oder gar um ihre Arbeitsplätze. Teilweise ist die Situation sogar im Rettungsdienst sogar schon so prekär, dass es erste Forderungen nach einem branchenspezifischen Mindestlohn gibt.
Das die sozialen Berufe dadurch auf qualifizierte Fachkräfte weniger anziehend wirken als z. B  die freie Wirtschaft ist somit klar. Schulabgänger werden sich genau überlegen, ob sie in diesem System arbeiten wollen dass schon seit Jahren durch Lohnkürzungen und schlechter werdende Arbeitsbedingungen von sich reden macht, oder ob sie lieber in die freie Wirtschaft gehen.

Dies sind sicherlich nur einige höchst subjektive Beispiele, in denen noch Luft nach oben ist um Verbesserungen im Gesundheitssystem zu erreichen. Aber jeder, der selbst in diesem System arbeitet oder selbst schon Patient war, wird um die  teilweise stark verbesserungswürdigen Zustände wissen.

40€ Praxisgebühr (Vier Mal im Jahr 10€) sind nur ein Fünftel dessen, was jeder jährlich als Rundfunkbeitrag an die Öffentlich-rechtlichen Sender zahlen muss (nämlich mehr als 215€). Zum gebotenen Mehrwert eigentlich sehr wenig Geld. Trotzdem schien der Aufschrei damals (2004) bei Einführung der Praxisgebühr deutlich höher zu sein, als bei der jetzigen Rundfunkgebührendiskussion.
Ich sehe dies als ein Spiegel dessen, was der Gesellschaft ihre Gesundheitsversorgung wert zu sein scheint.
Vielleicht, darauf hoffe ich insgeheim, wird die Abschaffung der Gebühr aber auch durch steigende Krankenkassenbeiträge wieder aufgefangen. Dies hätte in meinen Augen nur Vorteile:

  • Eigentlich benötigtes Geld wird wieder eingenommen
  • Eine an das Einkommen prozentual angepasste Abgabe ist sozial gerechter als ein fester Betrag
  • Arztpraxen und Krankenhäuser werden bürokratisch nicht wieder belastet
  • Es beteiligen sich wieder alle am Gesundheitssystem und nicht nur die, die zum Arzt gehen müssen


Vor der Bundestagswahl im September 2013 dürfte jedoch keine Partei mit diesem wahrscheinlich in der Bevölkerung eher unbeliebten Vorschlag vorpreschen, zumindest ist in den Programmen bisher nichts davon zu lesen.

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